Musikalische Momente 2016

Die Zeit der Jahresrückblicke ist wieder da. Ich habe mir bisher noch keinen im Fernsehen angeschaut (außer den etwas bitterböse satirischen von Dieter Nuhr), habe ehrlich gesagt auch keine große Lust drauf. Aber für mich ganz persönlich mache ich das schon mal. Ja, es war wieder Jahr mit Höhen und Tiefen, spannender wird es aber 2017, wenn der Umzug nach Regensburg auf dem Plan steht.

Aber darum soll es gar nicht gehen. Privatsache halt. Wenn es um Musik geht, bin ich aber gerne dabei. Es gab für mich vielleicht gar nicht mal so viel Neues, da ich eher zu Sorte Mensch gehöre, die etwas für sich entdeckt – eine musikalische Richtung, oder auch einen bestimmten Künstler – und eine ganze Weile darin verweilt. Bis irgendwann etwas kommt, was mich dann wieder in seinen Bann zieht. Ich bin also nie so wirklich breit gefächert. Und genau das ist mir auch in der Retrospektive für 2016 aufgefallen.

Als leidenschaftlicher Hörer elektronischer Klangteppiche bin ich schon ein wenig erstaunt, wie mich diese Art von Musik so allmählich an die Klassik herangeführt hat. Nicht die Klassik im klassischen Sinne, sondern eher das Crossover zwischen EM und Klassik. Und es ist erstaunlich, wie viel diese beiden Genres gemein haben. Ein Teil der Musik, die mich im vergangenen Jahr  begleitet hat, mag dies zeigen.

Ólafur Arnarlds

Seine Musik ist meine ganz große Liebe geworden. Es ist nicht nur der Fakt, dass Ólafur aus Island stammt und mit meiner Musik – bewusst oder unbewusst – genau die Art Sehnsucht in mir weckt, die ich mit diesem Land und der Landschaft verbinde. Er weckt mit seinem Klavier, den kleinen Streicher-Ensembles und dem minimalen Einsatz von Synthesizern eine Melancholie, die sich wohlig in mir breit macht – ohne mich traurig zu machen. Man fühlt sich eher dazu geneigt, sich Abends vor einen Kamin zu setzen, mit einem Glas edlen Whiskys in der Hand, die Augen zu schließen, und einfach nur genau hinzuhören.

Verzauberte er mich zusammen mit der Pianistin Alice Sara Ott 2015 mit dem Album “The Chopin Project”, war es in 2016 ein ganz besonderes Projekt. Arnalds setzte sich mit einem Team ins Auto und machte eine Rundreise auf Island. In diesen sieben Wochen besuchte er andere isländische Musiker, die alle einen vollkommen anderen musikalischen Background haben und spielte Musik mit ihnen ein. Nahezu in Echtzeit konnte man ihn auf dieser Reise begleiten und am Ende jeder Woche wurde ein Song veröffentlicht. Das erzeugte jedes mal Spannung und man war irgendwie Teil des Projektes.

Das fertige Album “Islandsongs” ist ein Hochgenuss und spiegelt einmal mehr das Islandgefühl wieder – ein Mischmasch aus Freiheit und Melancholie.

Jean Michel Jarre

Lasst uns wieder elektronisch werden – und damit einem Urgestein dieses Genres Zeit widmen. Jean Michel Jarre, bei dem ich nie weiß, ob der Vorname mit einem Bindestrich geschrieben wird, oder nicht, hat wahrscheinlich das fleißigste und aufregendste Jahr seines Lebens hinter sich.

Es begann bereits August 2015, als Jarre das Album “Electronica Vol. 1: The Time Machine” veröffentlichte. Wenige Monate später, im Mai 2016, kam dann “Vol. 2: The Heart of Noise” auf den Markt. Beide Alben sollten eine Hommage an die elektronische Musik darstellen, bei denen er mit unglaublich vielen Musikern aus dem Genre ins Studio ging. Dabei waren unter anderem M83, Air, Tangerine Dream, Moby, Armin van Buuren, den Pet Shop Boys, Yello und sogar Hans Zimmer. Spannend waren noch weitere Gäste wie Cindy Lauper oder auch Edward Snowden, was dem ganzen noch ein etwas politischen Anstrich verpasst hat. Ich kann mir wahrscheinlich gar nicht vorstellen, wie viel Aufwand es kostet, sie viele Leute in Boot zu holen und mit ihnen im Studio zu stehen. Oder ist das inzwischen Dank des Internets einfacher geworden? Am Ende sind zwei ziemlich gute, abwechslungsreiche Werke entstanden, die zwar eindeutig Jean Michel Jarre sind, dennoch die Stile der Gastmusiker voll zur Geltung bringen. Die Hommage ist gelungen!

Aber das war noch nicht alles. Jarre erzählte in einem Interview (habe ich im Radio aufgeschnappt), dass die Plattenfirma auf ihn zukam und fragte, ob er zum 40. Jubiläum seines Debüt-Albums “Oxygene” nicht etwas besonderes machen wollte. Vielleicht einen dritten Teil? So eine… Trilogie? Es setzte sich wieder in sein Studio, kramte sogar seine alten Synthesizer wieder aus dem Keller und spielte eine Fortsetzung des Klassikers ein. Und auch dieses ist gelungen. Und gewaltiger hätte die Trilogie nicht enden können (Pt. 20). Jean Michel Jarre hat aber nun eindeutig verkündet: “Es wird keinen vierten Teil von Oxygene geben!” Tja, das müssen wir das wohl akzeptieren.

Schiller

Kein Jahr ohne ihn – Christopher von Deylen. Der Musiker, der mich so lange wie kaum ein anderer begleitet hat und mich in vielerlei Hinsicht inspiriert hat. Auch er veröffentlichte 2016 sein neuntes Studioalbum “Future”. Lange beknieten ihn die Fans, sich doch mal irgendwie neu zu erfinden. Ich nicht, ich wollte, dass alles so bleibt, wie es ist. Aber mit diesem Album hat er seine treue Fangemeinde und mich kalt erwischt. Ein neuer Schiller, aber auch irgendwie ein bekannter. Besonders mir standen die Fragezeichen über dem Kopf, und die sind bis jetzt auch noch nicht ganz weg.

Ich kann gar nicht ausmachen, was mich an “Future” so verwirrt. Die Sounds sind zu einem großen Teil bekannt, die Stimmen wie immer besonders, dennoch habe ich mich bei den ersten Malen Durchhören dabei ertappt, wie mir das Wort “Mainstream-Pop” durch den Kopf ging. Als ich das nicht auf mir sitzen lassen, bzw. es nicht wahrhaben wollte, hörte ich noch intensiver rein und entdeckte viele kleine Details, die ich als schlichtweg genial empfunden habe. Hier und da bekam ich sogar erfreulicherweise die altbekannte Gänsehaut. Beim nächsten “normalen” Zuhören war es wieder gewöhnlich. Deswegen als Warnhinweis: “Future” ist ein Album zum genauen Hinhören. Nebenbei dudeln lassen gilt nicht.

Dafür kann ich mir Fug und Recht behaupten, dass es wohl kein besseres Schiller-Live-Album zu geben scheint, als das im Dezember erschienene “Zeitreise – Live”. Die neue Band hat sicherlich seinen Anteil geleistet. Und auch, dass diesmal mit einem hervorragenden Backgroundchor gearbeitet wurde. Das ganze ist weniger Drum-lastig, als alle vorherigen Live-Alben zusammen. Insgesamt war es wohl mal an der Zeit, etwas ruhiger zu werden. Das ganze Konzert war sehr viel entspannter und leiser – was aber der Show keinen Abbruch tat. Ich habe das allererste Mal diese Tour nicht besucht – unter anderem auch, weil mich das Album so verunsichert hat – und warte sehnsüchtig darauf, dass der Konzertfilm endlich bei iTunes zu haben ist. Dann werde ich sicherlich auch die Lichtshow genießen können, die wieder einmal beispiellos gewesen sein soll!

Sonstiges

Was soll ich jetzt noch sagen. Es gab viele kleine Mini-Entdeckungen, die meinen musikalischen Horizont erweitert haben. Zu nennen wären da Nick Murray (episch), James Murray (die haben nichts miteinander zu tun, chillig), Semidom (80er Jahre-Sequenzer-Mucke in edel), Max Richter (modern klassisch bis elektronisch, unbedingt seine Variation von Vivaldis “Vier Jahreszeiten” anhören) und Emika (Dance mit Anspruch, besonders das Album “DVA”).

Und was ich auch nicht unerwähnt lassen möchte: ich fühlte mich gedrängt, wieder auf die Suche nach den alten Techno-Klassikern zu gehen. Und schon liegen wieder Perplexer, RMB, Raver’s Nature, Dune, Marusha, Westbam, Taucher und Konsorten in der Playlist. Schon witzig, die alten Sachen mal wieder zu hören; aber man merkt schon, dass man da irgendwie rausgewachsen ist.

Das war mal so im Groben mein musikalisches Zweitausendsechszehn. Ich freue mich in dieser Hinsicht auf das kommende Jahr. Nicht, weil ich schon weiß, was da neues veröffentlicht wird, sondern einfach nur so. Es ist spannend!

Und Musik enttäuscht einen niemals!

Titelfoto: Marino Thorlacius

0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.