Das Ende von App.net

Wir schrieben das Jahr 2013. Es war das Jahr, in dem das Internet einen schweren Schlag verkraften musste. Eine neue Ära des Misstrauens und der Befangenheit im Web – entfacht durch das Aufdecken der Spionagetätigkeiten der NSA und wahrscheinlich fast allen anderen Geheimdiensten. Auch ich wurde ein wenig wachgerüttelt und begann, meine Tätigkeiten im Internet etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Wem vertraue ich meine Daten an? Das war die Frage der Stunde.

Und so suchte man nach Alternativen. Facebook war schon vorher für mich gestorben. Aber Dienste wie Twitter, Dropbox und so weiter, waren Bestandteil meines digitalen Alltags. Und außerdem gehörte ich schon immer zu denen, die Ihre Daten lieber in der Cloud hatten, als auf irgendwelchen lokalen Speichern, die gerne mal den Geist aufgaben.

Insbesondere der Umgang mit sozialen Medien machte viele unsicher – schrieb man dort wirklich unter Umständen persönliche Dinge rein. Ich war und bin ein großer Fan von Twitter. Aber nach den Enthüllungen, war man doch irgendwie unsicher. Und dann kam App.net um die Ecke. Der Messias unter den Social Networks. Und es war so viel mehr, als den “Massen” am Ende bewusst war.

Bevor ich nun aushole und erkläre, was sich Tolles hinter App.net verbarg (nur, damit Du den Artikel nicht umsonst liest): Dieser Dienst hat nun endgültig die Tore geschlossen. Das Personal von App.net wurde bereits 2014 in die Wüste geschickt, am 14. März 2017 wird dann der gesamte Betrieb eingestellt, inklusive Server und Website. Ich finde das unendlich schade! Und zeigt mal wieder, dass sich Qualität nicht immer durchsetzt. Die meisten waren wahrscheinlich davon angeschreckt, dass dieser Dienst knappe 50€ im Jahr kostete. Geiz ist halt immer noch geil.

Was App.net eigentlich war

Messaging-Dienst

Für die meisten, die schon mal was über App.net gehört haben, war es ein anderes Twitter. Und ja, im ersten Schritt war der Message-Dienst das Aushängeschild von App.net. Mit einigen Vorteilen: Ein Post konnte 256 Zeichen haben. Von Anfang an war der Zeichenrahmen einer persönlichen Nachricht unbegrenzt.

Es hatte sich sehr schnell eine tolle Community gebildet, die sich oft zwar kontrovers aber trotzdem oberhalb der Gürtellinie austauschte. Es hat richtig viel Spaß gemacht, zumal es sich mit 256 Zeichen noch einmal sehr viel angenehmer diskutieren lässt.

Beispiellose Development-Plattform

Im Grunde genommen war App.net ein komplettes Framework für diverse Webanwendungen. Den Machern der Plattform war es nicht wichtig, selbst alles zu bauen. Sie stellten diese Umgebung allen Entwicklern zur Verfügung, die damit machen konnten, was sie wollten. Und das wäre eine grandiose Sache geworden. Mit einem Account hätte man unter Umständen folgendes haben können:

Messaging-Dienst á la Twitter
Fotografie-Plattform á la Flickr
Feedreader
Blogging-System
andere Darstellung vom Messaging-Dienst in Form von Facebook
Cloudspeicher á la Dropbox
vielleicht sogar ein E-Maildienst
sämtliche Online-Anwendungen, die man sich denken kann

Ich fand diesen Grundgedanken einfach faszinieren! Sozusagen mein Betriebssystem im Internet. Jeder, der sich einen Account klickte und die 50€ dafür bezahlte, hatte automatisch einen Cloudspeicher dabei. Viel Platz, um sich zu entfalten. Und alles unter einem Dach zu haben wäre in meinen Augen – als jemand, der versucht, sehr puristisch zu denken – sehr reizvoll!

Die Entwicklung solcher Anwendungen sollte sich für die Entwickler auch lohnen. Und damit kommen wir zu dem wirklichen Highlight von App.net. Jede entwickelte Anwendung, die von seinen Nutzern gut bewertet wurde, hat Geld verdient. Jeden Monat wurde auf Basis einer kurzen User-Umfrage den entsprechenden Entwicklern Geld ausgezahlt. Das hatte zwei Vorteile:

Die Entwickler mussten sich echt Mühe geben, etwas Gescheites und Sinnvolles zu bauen. Je mehr aktive Nutzer es für einen App.net-Dienst gab, desto höher und besser konnte die Bewertung ausfallen. Und desto besser konnte man verdienen. Der Anreiz, sich die großen Webdienste zum Vorbild zu nehmen, hätte eigentlich riesig sein müssen.

Die Qualität und der Service mussten passen. User sind kritisch. Und wenn etwas nicht sauber funktionierte, sollte zumindest der Support dann klappen. Wenn durch diese beiden Faktoren (Produkt-Qualität und Support) die Kundenzufriedenheit stimmte, wäre auch wieder die Bewertung und damit der Verdienst gestiegen.

Und nicht nur Online-Dienste sollten daraus entstehen, sondern auch dazugehörige Apps. Hier gab es bereits einige richtig tolle, wie ich sie mir für die allgemein gängigen immer gewünscht hätte.

Datenschutz

Anders als die Webdienste, die man sonst so benutzt, war den Machern von App.net eines besonders wichtig: Du bleibst der Herr über Deine eigenen Daten. Nichts aus meinem Account wurde für Werbezwecke analysiert. Wenn ich meinen Account löschen würde, wären alle Daten wirklich gelöscht. Alles wurde auf den Datenservern verschlüsselt.

Und genau das war auch der Grund, warum App.net in dieser Phase des Internets so viel Erfolg hatte. Nach den Enthüllungen von Edward Snowden hatte man in dieser Umgebung das Gefühl, zumindest ein wenig besser und sicherer mit den Daten umzugehen, die man ins Internet stellte. Man hatte das Gefühl, dass man diese Daten und Informationen jemanden anvertraute, dem es nicht egal war, was damit geschah. Und ja, es fühlte sich gut an.

Ende

Leider hat sich dieses großartige Projekt nicht durchgesetzt. Am 14. März diesen Jahres schließt man auch das letzte Überbleibsel. Ich bedaure das sehr und hoffe, dass es irgendwann wieder so ein engagiertes Unternehmen gibt. Ich habe zwar alle Hoffnung verloren, mich irgendwann man in einem Internet zu bewegen, in der ich nicht mit Werbung bombardiert werdend ich sicher sein kann, dann meine Informationen vertraulich behandelt und in jedem Fall wirklich sicher verschlüsselt werden. Obwohl letzteres ja inzwischen auch besser geworden ist.

RIP App.net, es war nett mit Dir.

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