Privates

Es geht auch ohne

Es ist immer irgendwie interessant, Jahresrückblicke von Personen zu lesen, die man kennt, oder die man einfach mal eine Weile im Web “verfolgt” hat. Man bekommt so einiges im Laufe eines Jahres mit und am Ende erfährt man dann, was für einen Schluss, was für ein Fazit derjenige zieht. Und so ist mir dieses Jahr, zumindest virtuell, die Lena Rogl aus München über den Weg gelaufen, die sich um das Thema Social Media und PR bei Microsoft kümmert.

Ihren ganz persönlichen Jahresrückblick findest Du bei LinkedIn. Sehr lesenswert! Über Ihren Punkt 2 bin ich besonders gestolpert und hat mit dazu inspiriert, diesen Blogpost zu schreiben. Denn er spricht ein Thema an, das auf der einen Seite aufdeckt, dass das heutige Job-System einen gravierenden Fehler mitbringt, auf der anderen Seite auch nicht alles verloren ist. Aber ich beginne einfach mal von Vorne.

Auch ich habe damals frühstmöglich die Schule beendet. Ich wollte ins Arbeitsleben, Geld verdienen. Und außerdem haben mir meine Lehrer nicht sehr viel Hoffnung gemacht, dass ich das Gymnasium und das Abitur schaffen würde. Ich war schon ein wenig faul, und Schule hatte noch nie meine große Aufmerksamkeit. Also verließ ich die Realschule mit einer mittelmäßigen Mittleren Reife. Ich glaube, es war einfach nur Glück, oder mein beharrliches Anklopfen bei der einen Firma, dass ich den Ausbildungsplatz bekommen habe. Dreieinhalb Jahre Ausbildung zum Elektroniker für Büromaschinen folgten. Abschluss: Ja, aber auch nicht unbedingt berauschend.

Diverse Jahre nach der Ausbildung arbeitete ich weiter in dem Beruf, später sogar in der Firma, zu der ich nach der Ausbildung immer arbeiten wollte. Ich strengte mich an, war fleißig, arbeitete sauber, teilte mein Wissen, lernte weiter. Und jede Chance, in dem Unternehmen weiter zu kommen, versuchte ich zu ergreifen. Bis es eines Tages klappte: ich wurde Abteilungsleiter. Ob nun ein guter, mittelmäßiger oder schlechter – das möge andere beurteilen. Von meiner Seite aus habe ich mich auch hier angestrengt, habe mit weitergebildet und war fleißig. Bis zu dem Tag, an dem es Umstrukturierungen gab und mein Kopf zu viel war. Die “sozial verträglichste Option” war, dass ich gehe. Nun gut…

Mir schallt es jetzt noch durch den Kopf: “Herr Wübbena, sie sind jung, flexibel, haben eine traumhafte Karriere hingelegt und haben eine Unmenge an Erfahrung im Service Management. Sie brauchen sich um ihre Zukunft keine Sorgen machen. Die Firmen werden bei ihnen Schlange stehen!” Und je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr wuchs mein Selbstvertrauen. Und…

… wurde eines Besseren belehrt.

Passt oben und unten nicht

Ich bewarb mich auf unglaublich viele Managerposten. Als Projektmanager, als Servicemanager. Eine Absage nach der anderen. Mehr als ein Dreiviertel Jahr war ich auf der Suche. Und wenn ich nachgefragt habe, was denn die Gründe für die Ablehnung waren, hieß es: “In der Stellenanzeige haben wir eindeutig jemanden gesucht, der ein Studium hat. Und das hatten Sie nicht.” Ja… aber Erfahrung? Stille, und… “Wir haben uns für jemand anderes entschieden.”

Das war so ungefähr in der Zeit, als es eine ganze Reihe von Artikeln in der Presse gab, dass die Universitäten aus allen Nähten platzen, dass sie teilweise sogar Kinos anmieten mussten, um die Studies unterzubekommen. Mein Selbstbewusstsein schwand mehr und mehr. Und ich machte mir Gedanken darüber, wie denn den Arbeitsmarkt in ein paar Jahren aussehen würde, wenn diese Schwemme an Bachelor- und Master-Absolventen den Arbeitsmarkt überrennen. Hätte man dann als jemand mit einer “lächerlichen” Mittleren Reife und einer normalen Ausbildung überhaupt noch eine Chance?

Etwas geknickt versuchte ich mich mit dem Gedanken anzufreunden, kein Manager mehr zu sein. Also bewarb ich mich wieder als Techniker. Und wieder eine Absage nach der anderen. Die Begründungen für diese Ablehnungen haben mich ein wenig irre-wahnsinnig lachen lassen: “Hey, Sie waren Servicemanager. Sie sind ja vollkommen überqualifiziert für diesen Job!” Meine Argumente – an den Haaren herbeigezogen oder nicht – prallten einfach ab. Es war wirklich krass, wie sehr man zwischen den Stühlen stand. Wie konnte ich nur noch dämlich sein, und ohne Studium ins Berufsleben gehen können?! Das ging mir irgendwann Tag und Nacht durch den Kopf.

Kleine Chancen, großes Vertrauen

Apple ist ein Unternehmen, das guckt so überhaupt nicht darauf, was man vorher gemacht oder nicht gemacht hat. Die Strategie beim Recruiting lautet: Bist du cool? Passt du ins Teams? Dann komm her! Und alles andere lernst du hier bei uns. Und scheinbar passte ich ins Profil. Ich hatte wieder Arbeit und war glücklich. Von dem Zeitpunkt an musste ich zwar damit leben, mit sehr viel weniger als die Hälfte meines Gehalts klarzukommen, aber alles war besser, als gar nichts zu haben.

Nach drei Jahren Apple war es dann ein anderes, kleines Unternehmen, wo ich als Projektmanager für Software-Entwicklung arbeiten durfte – obwohl ich von Software-Entwicklung keine Ahnung hatte. Als das irgendwie dann doch nicht passte und ich kündigte, tat sich eine andere Chance auf. Nämlich: nach Regensburg zu ziehen und dort als Cloud-Produktmanager und inzwischen als Cloud-IT-Strategieberater  zu arbeiten. Und wieder: Ich bin fleißig, lernbereit und klemme mich wirklich dahinter. Und siehe da, ich bin glücklich. Und scheinbar alle anderen auch.

Kurz zusammengefasst kann ich also sagen, dass mein berufliches Leben aus drei ganz elementaren Umständen besteht: Fleiß, Glück und Unternehmen, die mir eine Chance gegeben haben. Glück braucht man immer, wenn man eine neue Arbeit sucht. Fleiß sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Aber Unternehmen, die einem Quereinsteiger eine Chance geben, sind heutzutage leider keine Selbstverständlichkeit.

Und daraus möchte ich einen Appell starten an die Firmen da draußen:

Liebe Firmen, werdet offener – ein Appell

Natürlich habt Ihr einen gewissen Anspruch an Eure zukünftigen Mitarbeiter. Und das ist auch legitim. Ihr braucht Leute, auf die Verlass ist, die Erfahrung haben, konstant sind und ins Unternehmen passen. Ihr möchtet Euren Kunden gute Waren und gute Dienstleistungen bieten, weshalb es gut und wichtig ist, dass Ihr bei der Wahl Eures Personals auch auf die entsprechende Qualität und Qualifikation achtet.

Aber mal Hand aufs Herz: Muss es denn wirklich immer der studierte Mann oder die studierte Frau sein? Was hindert Euch daran, auch mal mutig zu sein und einen Quereinsteiger mit ins Boot zu holen? Warum rümpft Ihr so oft die Nase, wenn eine Bewerbung von jemandem ins Haus flattert, der “nur” eine normale Berufsausbildung hat? Lasst mich bitte ein Worte darüber verlieren, warum es eine großartige Chance auch für das Unternehmen ist, so jemanden ins Team zu integrieren:

Ein anderer Blick. Mit Beginn seiner Ausbildung war er gleich von Anfang an (bei mir war es in Alter von 16 Jahren) voll in der Praxis. Klar, er lernte auch theoretisches, war aber von Beginn an darauf getrimmt, die Theorie auch in die Praxis umzusetzen. Er war also gezwungen, praxisorientiert zu denken. Das prägt – das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Früh genug entstanden also Denkmuster, die einem Unternehmen, einer Abteilung oder einem Team dabei helfen können, auch mal einen anderen Blick auf eine Sache zu bekommen. Das bereichert Dein Unternehmen durchaus.

Er will arbeiten. Jemand, der eine stinknormale Ausbildung absolviert hat, zeichnet sich wahrscheinlich dadurch aus, dass er unbedingt arbeiten, und nicht weiter die Schulbank in der Uni drücken wollte. Ja okay… vielleicht war er in der Schule damals gar nicht mal so gut, weshalb ein Abitur, geschweige denn die Uni, überhaupt in Frage gekommen wäre. Aber hey: In diesem Fall hat er bereits von einem Ausbildungsbetrieb eine Chance bekommen und er hat sie genutzt! Gibt es ein besseres Zeugnis für so jemanden!

Ich habe direkt jemandem in meinem nahen Umfeld, auf den genau das zutrifft: In der Schule keine gute Figur gemacht und sie dann noch nicht einmal mit der Mittleren Reife abgeschlossen. Dann einen Ausbildungsplatz “für hoffnungslose Fälle” zum Maurer bekommen. Aber dort packte es ihn dann. Früher als alle anderen beendete er die Ausbildung mit Bravur, holte damit noch seinen Schulabschluss nach. Als jemand mit Maurer-Erfahrung und einem professionellen Auftreten kam er dann in den technischen Vertrieb für Werkzeuge unter, wo er äußerst erfolgreich war. Inzwischen bekleidet er ebenfalls eine Vertriebsposition in einem Unternehmen, welches eigentlich studierte Chemiker gesucht hat. Auch sie gaben ihm eine Chance und sehen ihn nun als wichtigen, teuren Mitarbeiter an. Sie haben ihn in der Zwischenzeit sogar für viel Geld wieder von einem anderen Unternehmen zurückgeholt. Sie brauchten seine Expertise in diesem Bereich.

Dankbarkeit und Loyalität. Wie mag sich ein Mitarbeiter fühlen, der von Euch eine Chance erhält und sich beweisen darf? Natürlich: das Wissen, dass er eigentlich für eine Position theoretisch nicht qualifiziert genug ist und nun fest im Sattel sitzt, vergisst er nicht. Bringt ein Unternehmen ihm das Vertrauen entgegen, sich in einer Position zu beweisen, erzeugt das Loyalität und noch mehr Engagement. Denn seien wir mal ehrlich: Das für den Beruf relevante Wissen erlernt man nicht an der Universität, sondern im täglichen Berufsleben. Bringt der neue Mitarbeiter also eine gewisse Affinität zu dem Thema mit, lernt er schnell dazu und wird zu einem Fachmann. Das Erlernte wird er immer mit Euch und Eurem Unternehmen in Verbindung bringen und Euch unendlich dankbar dafür sein. Und dafür wird er auch die Extra-Meile mit Euch gehen. Ihr habt mit ihm jemanden, auf den Ihr lange Zeit bauen können.

Die Integration von Quereinsteigern bedarf allerdings einer gewissen Vorbereitung und benötigt wichtige Parameter. Aber die habt Ihr ganz sicher bereits bei Euch etabliert:

  • Schafft eine Arbeitsatmosphäre, in der man kollegial miteinander umgeht und gerne bereit ist, sich gegenseitig zu helfen und zu unterstützen. Nichts ist schlimmer für einen Quereinsteiger, als in einem Umfeld zu arbeiten, wo jeder mit seinem Wissen hinterm Berg hält. Und das aus Angst, irgendwann vielleicht mal ausgetauscht zu werden. Erstens ist das Blödsinn, und zweitens möchte niemand so arbeiten wollen.
  • Lernt, in Eure Mitarbeiter zu investieren. Und nicht nur in die Quereinsteiger, sondern in JEDEN. Sucht aktiv nach Möglichkeiten, Eure Leute zu Schulungen und Trainings zu schicken. Organisiert intern kleinere oder größere Runden zum Austausch von Erfahrungen. Kümmert Euch um die Weiterbildung Ihrer Mitarbeiter. Das wird die Qualität Eures Teams und Eures Unternehmens steigern. Das spüren die Kunden, und das fördert wiederum die Motivation der Mitarbeiter. Startet für Quereinsteiger und Neuankömmlinge ein Mentoren-Programm.

Und diejenigen, denen Ihr die Chance gegeben habt, sich in ein vielleicht völlig fremdes Gebiet einzuarbeiten, werden mit dieser Lernkurve durch die Decke gehen. Und wer weiß: vielleicht werden genau diese irgendwann Deine wichtigsten Standbeine in der Firma werden. Nehmt dieses Thema bitte ernst, denn auf diese Weise bleibt niemand, der wirklich arbeiten will, auf der Strecke.

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