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Hans Zimmer live – Atemberaubend in jeder Hinsicht

Die Anzahl der Konzerte, die ich in meinem Leben bisher besucht habe, ist nicht sehr gering. Wohl aber die Anzahl der Künstler, die ich live gesehen habe. Ólafur Arnalds, Schiller aka Christopher von Deyeln, Apocalyptica und die schwedische Band A-HA — um nur einige zu nennen. Aber jetzt müsste ich schon etwas länger überlegen, ob es da noch was anderes gab. Am 09. April 2022 hatte ich allerdings das überaus große Glück, von einem Freund auf ein Konzert in München eingeladen worden zu sein. Niemand geringeres als Hans Zimmer hat dort live Teile einiger seiner epischen Soundtracks gespielt. Ein Ereignis, dass ich so schnell nicht wieder vergessen werde.

Hans Zimmer himself und Band

Eigentlich kennt nahezu jeder Hans Zimmer. Zumindest alle, der gerne Filme schauen und den Wert guter Filmmusik zu schätzen wissen. Inzwischen müsste seine Liste an Soundtrack auf nahezu 150 angewachsen sein. Und damit dürfte er sich (und ich weiß, dass ich mich Wissens-technisch auf sehr dünnem Eis bewege) ziemlich weit oben in Rangliste der Künstler bewegen, mit den meisten veröffentlichten Alben. Unzählige Award-Nominierungen und zwei Oscars später durfte ich seine Filmmusik nun live erleben.

Ich stelle mir vor, Hans Zimmer ruft mich an (was natürlich vollkommener Blödsinn ist) und fragt mich, ob ich als Musiker bei seiner Tournee dabei sein möchte. Ganz sicher weiß ich, dass ich nicht mal eine halbe Sekunde darüber nachdenken würde, ob ich ja oder nein sage. Und wahrscheinlich würde ich ihm innerlich immer mit ehrfürchtiger Haltung gegenüberstehen… um dann zu merken, dass er sich rein gar nichts auf das einbildet, was er mit seinen 64 Jahren auf musikalischem Gebiet alles geleistet hat.

Im Ernst: Als Zuschauer hatte man das Gefühl, dass auf der Bühne eine ca. 50-köpfige Familie stand. Besonders die Musiker, die als Solo-Künstler:innen im Vordergrund spielten (Gitarristen, Sänger:innen u.s.w.) wurden von Hans mit so viel Achtung und warmen Worten vorgestellt. Teilweise nahm er sich ein, zwei Minuten Zeit, um allen in der Halle zu erklären, warum er sie so schätzt. Und selber hielt er sich dezent im Hintergrund, überließ die Bühne den anderen. Ein Menschenschlag, den ich überaus schätze.

Hans Zimmer live – 07.10.2019 – Rod Lever Arena – Melbourne – Australia

Nach den ersten 10 Minuten Musik aus dem Film „Inception“ wandte sich Hans Zimmer erstmals ans Publikum. Er war gut gelaunt und kam etwas ins plaudern, als er erzählte, dass sie vor 858 Tagen begonnen hatten, die Tour zu planen. Das dann aber Corona kam und alles über den Haufen warf. Er erzählte aber noch eine andere Geschichte: Vor 858 Tagen engagierte er ein Orchester — aus der Ukraine. Und plötzlich tat einem das Herz weh. Er erzählte weiter, dass sie alles daran gesetzt haben, diese Musiker trotz der aktuellen Situation aus dem Land zu holen. Hans Zimmer zeigte dann auf die linke Seite der Bühne zu den Streicher:innen und sagte: „Zehn von ihnen stehen sind heute hier spielen für uns“, was selbstverständlich nur ein Bruchteil der Musiker war, die eigentlich geplant waren. Man muss nicht groß erwähnen, dass man selten einen so lauten Applaus gehört und Standing Ovations gesehen hat.

Filmmusik ohne Film

Ebenfalls vor rund 858 Tagen (ja ja, diese Zahl fiel öfter an diesem Abend) wurde eine Playlist für die Tour erstellt. Schnell stellte man fest, dass man kein Konzert in der Länge von 7 Stunden würde spielen können. Doch scheinbar haben sie das komplette Repertoire mitgenommen und wechseln im Laufe der Tour hier und da mal die Tracks aus. Wenn man mich fragt, ob mir irgendetwas gefehlt hat, oder ob ich irgendeinen Film vermisst habe, kann ich mit einem klaren nein antworten. Alles, was für mich in ein Hans-Zimmer-Konzert gehört, war dabei:

  • Gladiator
  • Pirates of the Caribbean
  • Interstellar
  • Batman’s „The Dark Knight“
  • König der Löwen
  • Dune
  • und weitere.

Die Musik von Hans Zimmer ist nicht nur bekannt für seine teilweise wunderschönen und eingängigen Melodien. Vor allem ist er der König der musikalischen Urgewalt. So scheute sich das Ensemble auch nicht, Passagen zu spielen, die genauso actionreich sind, wie die filmischen Entsprechungen. Wenn ein komplettes Orchester so laut spielt wie es kann, zusammen mit Bässen, kreischenden E-Gitarren, Chor und Synthesizer, zerreißt es einen förmlich. Und wenn man den Film zu der Musik kennt, schießen einem auch direkt die entsprechenden Bilder durch den Kopf. Besonders gleich zu Anfang ging es gut zur Sache und ich musste mich erst einmal irgendwie orientieren – wusste ich nicht, ob ich hier wirklich bei Hans Zimmer war, oder auf einem Orchestral-Metal-Konzert. Bis sich wenige Minuten später die Ohren an die Lautstärke gewöhnt hatten und der Aha-Effekt einsetzte: „Aha! Inception!“

Als Urgewalt kann man auch den Soundtrack von „The Dark Knight“ bezeichnen. Ein Werk, dass ich seit erscheinen des Films im Jahr 2008 irgendwie nicht mehr angehört habe. Aber sofort waren die Erinnerungen wieder da. Und ja, es war laut. Sehr laut. Und diesmal nicht nur für die Ohren, sondern auch für die Augen. Die Bühne schien im Licht der Video- und Lichtshow regelrecht zu explodieren. Grund genug, sich zu Hause diesen Soundtrack mal wieder anzuhören.

Apropos „wunderschöne und eingängige Melodien“. Die gab es auch. Und sie haben einen auf eine ganz andere Art und Weise zerrissen. Kaum ein Auge ist trocken geblieben, als die Sängerin Loire Cotler die berühmte Melodie aus „Gladiator“ sang. Unweigerlich sah man sich selbst durch ein Weizenfeld in den Sonnenuntergang laufen. Ursprünglich war sogar Lisa Gerrard (die Original-Sängerin) für die Tour geplant, die derzeit aber leider an COVID-19 erkrankt ist und diesmal nicht dabei war.

Und dann wurde mir ein Wunsch erfüllt, den ich gar nicht hatte. 2003 sah ich den Film „Last Samurai“ mit Tom Cruise. Damals schon faszinierte mich der Soundtrack von Hans Zimmer. Tagelang hörte ich ihn rauf und runter. Ich war noch im Außendienst tätig und konnte im Auto so viel Musik hören, wie ich wollte. Es war besonders die Passage aus den Tracks „Ronin“, „Red Warrior“ und „The Way of the Sword“, die es mir angetan hatte. Sie beschreiben die finale Auseinandersetzung zwischen dem Volk der Bushi (später der Samurai-Kriegern) und dem chinesischen Kaiserreich. Diese letzte Kampfszene in diesem Film empfand ich damals als so furchterregend und aufwühlend. Und die Musik von Hans Zimmer so faszinierend beschreibend emotional. Als die Melodie auf dem Konzert ertönte, musste ich kurz überlegen, aber dann kam dieses beklemmende Gefühl wieder. Vor meinem geistigen Auge die Filmszenen, in denen die letzten Angehörigen eines Volkes ihr Leben verlieren. Ich bin Manns genug zuzugeben, dass ich im Konzertsaal saß und Rotz und Wasser geweint habe. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass Russland gerade versucht, diese Geschichte in der Ukraine zu wiederholen. Musik kann so kraftvoll sein — das ist mir wieder einmal bewusst geworden.

Die Kunst der Technik

Reihe 38 in der Arena der Münchner Olympiahalle. Das ist alles andere als in Bühnennähe. Wann man aber trotz allem sagen kann, dass man nichts vermisst hat, dann muss die Technik außergewöhnlich gut gewesen sein. Und auch wenn ich schon viele aufwendige Konzertbühnen gesehen habe, war das Hans-Zimmer-Konzert ein wahres Meisterwerk.

Der Sound war überragend. Ich singe selbst in einem Chor mit Sinfonieorchester und habe nur eine leise Ahnung davon, wie schwer es sein muss, so viele Musiker und Instrumente so abzumischen, dass nichts untergeht und anderes nicht zu sehr hervorsticht. Das ich auf Höhe der Ton- und Bildregie gesessen habe, hat bestimmt noch seinen Teil dazu beigetragen, das beste Hörerlebnis bekommen zu haben. Trotz der Lautstärke gab es viele Details herauszuhören — zu einem großen Teil zumindest.

Die Bühnenshow war ebenfalls überwältigend. Die Lichtshow sehr aufwendig und jederzeit die Musik unterstreichend. Zwei große LED-Leinwände gab es, die zum einen für wirklich gut gemachte Video-Projektionen genutzt wurde. Aber es gab etwas, was ich noch faszinierender fand und einen in der hintersten Ecke der Halle ganz nah hat dabei sein lassen.

Es müssen 30, 40 oder 50 kleine Kameras gewesen sein, die überall auf der Bühne verteilt gewesen sind. Diese Kameras wurden live auf die LED-Leinwände eingespielt. Mit sämtlichen Effekten, wie man sie sich auf einer fertigen, künstlerisch wertvollen BlueRay-Produktion vorstellt — oder was immer man sich derzeit so als Video-Medium aussucht. (Sorry, ich bin auch schon Mitte 40.) Es muss in der Regie also jemanden gegeben haben, der live das Videomaterial gesichtet, bewertet und freigegeben hat. Mal davon abgesehen, was dabei für eine Rechenpower nötig ist, war das überwältigend perfekt. Im richtigen Moment konnte man dem Gitarristen Guthrie Robert Govan bei seinem Solospiel geradezu auf die Finger schauen. Verzaubert war ich, wie eine Deckenkamera den Schatten einer Violinisten gefilmt hat. Ein wunderschönes Detail. Hans Zimmer hat also nicht nur die Cremé de la Cremé an Musiker mit auf Tour genommen, sondern auch das Beste vom Besten der Crew, die im Hintergrund arbeitet.

Hans Zimmer live – 05.10.2019 – Qudos Bank Arena – Sydney – Australia

Wenn ich ein weiteres Highlight nennen sollte, wäre das die Show zum Soundtrack „Interstellar“. Lichtkegel kamen aus allen Richtungen und strahlten die riesige Diskokugel in der Mitte der Hallendecke an und tauchte die gesamte Olympiahalle in einen Sternenmeer. Etwas passenderes kann es zu dieser Musik wohl kaum geben. Doch dann kam der Track „Detach“. Er begleitet die Szene, wo die Crew der „Endurance“ versucht, mit dem Shuttle das außer Kontrolle geratene Mutterschiff wieder einzufangen, indem sie die gleiche Drehung aufnahm, um andocken zu können. Eine Szene, die so spannend war, dass man geradezu die Polsterung des Kinosessels in Gefahr brachte. Und so drehte sich bei dieser packenden Musik auch die Diskokugel und riss einen förmlich in die Szene. Unbeschreiblich! Wirklich unbeschreiblich…

Fazit

Als ich begann, diesen Artikel zu schreiben, dachte ich, dass es mir schwer fallen würde, dieses Erlebnis in Worte zu fassen. Generell finde ich es schwer, über Musik zu schreiben. Aber vielleicht wird dieser Text dem Erlebten und Gehörten ein wenig gerecht.

In jeder Hinsicht war dieses Konzert ein Erlebnis, dass ich so schnell nicht vergessen werde. Es wurde alles gespielt, was ich hören wollte. Mit „Last Samurai“ wurde sogar ein ungeträumter Wunsch erfüllt. Und was Sound und Bühnenshow angeht, wurden alle meine Vorstellungen und bisher Gesehenes weit übertroffen.

Müsste ich mir jetzt noch irgendeine Kritik aus den Fingern saugen, würde mir nichts einfallen. Es war einfach ein perfekter Abend. Vielen Dank Hans Zimmer, vielen Dank liebe Band und Technik-Crew. Aber vor allem vielen Dank an meinen lieben Freund, der mir dieses Erlebnis überhaupt ermöglicht hat.